Schamanismus

 

"Von Glauben spricht man, wenn man Wissen verloren hat. Glauben und Unglauben an Gott sind bloßer Ersatz. Der naive Primitive glaubt nicht, er weiß, denn die innere Erfahrung gilt ihm mit Recht so viel wie die äußere... Er hat noch keine Theologie und hat sich noch nicht von dummpfaffigen Begriffen vernebeln lassen. Er richtet sein Leben, notgedrungenerweise, nach äußeren und inneren Tatsachen, die er, nicht wie wir, gesondert empfindet. Er lebt in einer Welt, wir aber nur in einer Hälfte, und glauben bloß oder auch nicht, an die andere."

(C.G. Jung)

 

SCHAMANISMUS

Über Schamanismus zu lesen ist eine Sache - Schamanismus zu erfahren eine andere. So wie Archäologen und Anthropologen annehmen, dass schamanische Traditionen zehntausende von Jahren in der Geschichte zurückreichen, so liegt tief in jedem Menschen das Potential, "den Schamanen in sich durch persönliche Erfahrung zu wecken".

Das Wort Schamane kommt vom Begriff saman der sibirischen Tungusen, und bedeutet "jemand, der erregt, bewegt, erhoben ist".

Schamanismus ist keine Religion- vielmehr ermöglichen schamanische Methoden den Zugang zu spiritueller Erfahrung unabhängig von kultureller Zugehörigkeit, ohne dogmatisches System. Ein Schlüsselelement schamanischer Arbeit ist die "schamanische Reise": das willentliche Eintreten in veränderte Bewußtseinszustände, die nichtalltägliche Wirklichkeit, das Interagieren mit Wesenheiten und Geistern der "unteren und oberen Welt", um Wissen, Kraft und Heilung für sich und andere zu bringen; letztendlich auch die willentliche Rückkehr in die alltägliche Wirklichkeit. Der Schamane ist ein Reisender zwischen den Welten, ein Vermittler.

 

Gesang, Tanz, Trance, Rituale und Zeremonien sind die Verbindungswege, um geistige Erfahrung als archaische Kraft zu kanalisieren, zu transportieren und umzusetzen.

In die andere Wirklichkeit zu reisen, nur um zu sehen und zu spüren ist allerdings zu wenig: Erkenntnis fordert eine bewusste, engagierte Position; Wissen fordert Handlung - so kann etwas in der Seele bewegt, kann unser alltägliches Leben bereichert werden. Jeder, der schamanisch arbeitet, kennt das Gesetz "pars pro toto" und weiß um die Wichtigkeit der universellen Zusammenhänge: Respekt und Achtung für alles, was uns umgibt, ob sichtbar oder unsichtbar, und die Erfahrung des "Mit-allem-reden-Könnens" geben uns die Möglichkeit zu individueller Entfaltung und Weiterentwicklung. Aus diesem Bewusstsein mag eine aktive Lebenseinstellung Heilung bringen, eine wesentliche Funktion des Schamanismus.

Suely Cozzolino Alvares Garcia, Juli 2007

 

> Fotogalerie "Schamanisch Tanzen"

 

 

Eingeborene Völker haben einen reichen Schatz an Erkenntnissen über die Natur, über den Menschen und über ein ausgewogenes Verhältnis zwischen den beiden. Von ihren Glaubensvorstellungen über die Geistwelt bis hin zu ihren traditionellen Kenntnissen des Regenwaldes, der Heilkunst und der Landwirtschaft geben uns diese Gesellschaften die Möglichkeit neuer Welt- und Selbstdeutungen. Viele dieser Populationen sind bedroht durch schwere Diskriminierung, Verweigerung der Menschenrechte, Verlust kultureller und religiöser Freiheiten und im schlimmsten Fall durch kulturelle und physische Ausrottung... Wenn die derzeitigen Trends in vielen Weltteilen anhalten, wird die kulturelle, soziale und sprachliche Vielfalt der Menschheit in nicht wiedergutzumachender Weise verarmen... ungeheure undokumentierte Schatzkammern ökologischen, biologischen und pharmakologischen Wissens werden verlorengehen, dazu ein unermeßlicher Reichtum des kulturellen, sozialen, religiösen und künstlerischen Ausdrucks.

"International Cultural Survival Act" des US-Kongresses, 1988